Meine Biografie hätte nicht werte-fokussierter sein können: geprägt von mehrfacher Neurodiversität sowie politischen, kulturellen, familiären und systemischen Spannungen. Ich wuchs zwischen extremen Wertekontrasten auf – Berliner Bourgeoisie und bäuerliche Bürokraten, arm und steinreich. An der Oberfläche hochgebildet und linear denkend, während Krieg und Diktaturen komplexe Denkfähigkeiten unterdrückten. Meine unangepassten, feinsinnigen Eltern lebten im angepassten, bürgerlichen Berlin-Lichterfelde. Ich selbst, Yvonne Nicole Winkelmann, bin höchstbegabt – so blieb mir früh nichts anderes übrig, als Toleranz zu meiner Strategie zu machen, um beide Eltern lieben und ihre Welten unter die Lupe nehmen zu können. Komplexität und Ambivalenz stehen mir bis heute auf der Stirn geschrieben – und ich verkörpere sie irgendwie, so wird mir gesagt. Seit 38 Jahren nehme ich an der größten Hochbegabtenstudie der Welt teil, als eine der höchstbegabten Teilnehmerinnen. Das klingt unheimlich – ich bin aber eigentlich ganz normal. Wir alle haben unsere individuelle Komplexität, die uns leider oft aberzogen wurde. Darum ist es mir so wichtig, Menschen wahrhaftig zu sehen, ihre eigene Komplexität zu erkennen und sie zu motivieren, so frei zu denken, wie sie tief im Innersten fühlen. Der globale Happiness Index wird es uns danken.
Wahrhaftigkeit ist ein Wert, der mich im Leben leitet.
Für mich bedeutet Lebensqualität, mich selbst und andere wirklich zu sehen – jenseits von Rollen, Etiketten und Erwartungen. Besonders bei komplex denkenden, hoch- sowie höchstbegabten und neurodivergenten Menschen bleiben viele Persönlichkeitsanteile häufig unsichtbar: Denken und Fühlen sind zu schnell, zu viel, zu vernetzt. Ich kenne aus eigener Erfahrung, wie sehr fehlende Spiegelung, mangelnde Validierung und vereinfachende Zuschreibungen inneren Druck erzeugen können. Wahrhaftigkeit heißt für mich, Komplexität nicht zu glätten, sondern erkennen und anerkennen zu wollen. Sie ermöglicht Orientierung, Selbstwirksamkeit und das Vertrauen, das eigene Selbstverständnis zu leben – im Individuum wie in Organisationen. Nur was gesehen wird, kann sich entfalten. Dieser Wert prägt mein berufliches Handeln ebenso wie meine Haltung gegenüber Menschen, Macht, Verantwortung und gesellschaftlicher Gestaltung.
Toleranz ist ein Wert, der mich immer wieder herausfordert.
Toleranz bedeutet für mich nicht Gleichgültigkeit, sondern das Aushalten von Unterschiedlichkeit und Komplexität – auch dort, wo sie schwer verständlich oder widersprüchlich ist. Als komplex denkender Mensch mit vielen Ebenen, hoher Denkgeschwindigkeit und großer innerer Dichte erlebe ich oft Vereinfachung, Ungeduld oder Abwehr. In Organisationen fangen Menschen oft an „hysterisch zu kreisen“, wenn Prozesse zu komplex werden – einer der Hauptgründe, weshalb die Digitalisierung in unserem Land nicht innovativ Fuß fassen kann. Tolerant zu bleiben, wenn Wahrhaftigkeit fehlt oder man selbst nicht gesehen wird, weil Oberflächlichkeit dominiert, ist herausfordernd. Gleichzeitig weiß ich: Auch andere handeln aus ihren Grenzen heraus. Unterschiedliche Komplexitätsgrade passen systemisch häufig nicht zusammen. Es muss ja auch nicht alles zu allem passen, aber sich der systemischen Ursachen bewusst zu sein und zu verstehen, dass Denken mitunter kulturell unterschiedlich geprägt ist, wäre ein wichtiger Schritt nach vorne. Toleranz ist für mich kein bequemer Wert, sondern ein anspruchsvoller. Aufgewachsen in Berlin – geprägt von Brüchen, Gegensätzen sowie politischen und kulturellen Parallelwelten – habe ich früh gelernt, dass Menschen fundamental unterschiedlich denken, fühlen und handeln. Diese Vielfalt hat mich offen gemacht, aber sie verlangt auch tägliche innere Arbeit und den Wunsch, Vielfalt auszuhalten und Ambivalenz nicht sofort auflösen zu wollen. Toleranz ist heute nicht nur Wert und Haltung, sondern eine systemische Notwendigkeit. Ohne diese Kompetenz zerfallen Dialog, Komplexität, Zusammenarbeit, Multipolarität und schlussendlich unsere Demokratie.
Ambiguitätstoleranz ist ein Wert, den unsere Gesellschaft mehr leben sollte.
Unsere Realität ist komplex, widersprüchlich und multipolar geworden – technologisch, kulturell, politisch und systemisch. Wir begegnen einander mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Wahrnehmungen, Denkgeschwindigkeiten, Bewusstseinszuständen und inneren Landkarten des Denkens und der Logik. Ambiguitätstoleranz bedeutet, Spannungen auszuhalten, ohne sie vorschnell zu vereinfachen oder zu bekämpfen. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Vielfalt nicht nur geduldet, sondern produktiv wird. Ohne sie kippt Diversität in Polarisierung, Innovation in Abwehr und Demokratie in Vereinfachung. Ambiguitätstoleranz schützt nicht vor Konflikten – sie macht uns fähig, diese reif zu führen.




