Die schönste Rechnung meines Lebens

Die schönste Rechnung meines Lebens

Wert: Respekt
Autorin: A.E. aus Lübeck

Wenn eine Mutter stirbt, dann verändert das alles. Auch ich habe mich verändert.

Ich entdeckte es, als meine Großmutter 1988 verstarb: das Herbarium meines Ururgroßvaters. Meine Familiengeschichte reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Ich habe zu Hause unendlich viel Material, unzählige Briefwechsel und so viele interessante Gegenstände, aber in meiner Familie ist bisher noch niemand dazu gekommen, sich intensiv mit unserer Ahnengeschichte zu beschäftigen. Doch dieses Herbarium hat es mir sofort angetan. Es ist ein großes Buch, kein übliches Hochformat. Und es hatte diese schöne Handschrift. Ich war neugierig. Wie konnten die Blüten so lange schön bleiben? Ich habe in dem Buch Pflanzen gefunden, die tatsächlich noch in meinem Garten wachsen. Den Weinstock zum Beispiel. Der ist noch von meinem Ururgroßvater. Oder die Eibe. Die ist so mächtig und groß, dass man sie vom Jacobi-Kirchhof aus sehen kann. Ich werde sie kürzen lassen müssen, weil ich Angst habe, dass sie beim nächsten Sturm umkippt.Vor diesem Baum stehe ich voller Demut. Wer einen Baum pflanzt, macht etwas für die nächsten Generationen. Mein Ururgroßvater war es auch, der mir den entscheidenden Impuls gegeben hat, mein Leben neu auszurichten. Mit seinem Herbarium bin ich in einen neuen Abschnitt meines Lebens gestartet.

Nach dem Studium bin ich wieder zurück nach Lübeck gekommen und habe mich hier selbstständig gemacht. Ich war 20 Jahre als Modedesignerin tätig. Als meine Mutter verstarb, dachte ich, dass ich noch mal etwas anderes machen will. Wenn eine Mutter stirbt, dann verändert das alles. Auch ich habe mich verändert. Es war ein tiefer Einschnitt. Ich habe überlegt: Was kann ich, was will ich? Kann ich die Zeit festhalten? Ich hatte wirklich schmerzlich gelernt, dass Zeit das kostbarste Gut ist. Ich wusste, ich will etwas herstellen, das andere nicht haben. Ich esse gerne. Und ich kann ziemlich gut riechen und schmecken. Ich kann sehr beharrlich sein. Ich kann lange ausprobieren. Und was habe ich? Ich habe einen Garten. Gibt es ein schöneres Material als Blüten? Ich habe dann ein halbes Jahr ausprobiert. Jeden Tag. Ich habe es ja nicht gelernt. Und ich wurde belächelt. Nur meine Tochter glaubte an mich. Damals waren Blüten in der Kulinarik noch ganz neu. Es war schon ungewöhnlich, wenn hin und wieder in einem gehobenen Restaurant eine Blüte auf einem Salat lag. Ich wollte nun versuchen, sie haltbar zu machen. Nach einem halben Jahr war ich so weit, dass ich dachte: Okay, so können sie in die große weite Welt raus. Meine Tochter hat mir mit dem Marketing geholfen. Ende März, als alles in voller Blüte stand, gab es einen Wintereinbruch, sodass ich wirklich nichts mehr hatte, was ich verarbeiten konnte. Ich stand vor dem Ruin. Ich überlegte mir, eine weitere Produktstrecke könnte mir helfen, etwas, was jeder mag, Schokolade sollte die Rettung sein.

Dann kam wie ein Geschenk des Himmels die Anfrage von Dior. Sie hatten einen neuen Duft und wollten für die Präsentation kandierte Rosenblätter haben, die genauso schmecken sollten, wie der Duft roch. Aber es war März, es gab keine Rosen weit und breit. Deshalb ließ ich mir welche von Biogärtnern aus Israel zum Großmarkt in Hamburg einfliegen. Ich hatte nur die Beschreibung des Duftes. Es war wirklich die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, aber ich hatte nichts zu verlieren. Ich stand vor dem Abgrund. Also rannte ich. Ich fuhr dann morgens um drei zum Großmarkt nach Hamburg, verarbeitete die Rosen, schickte sie nach Düsseldorf in die deutsche Zentrale und bekam die Rückmeldung: Großartig, aber es muss rosiger sein. Ich dachte nur: Ich breche zusammen. Sie konnten ja nicht wissen, was für ein Aufwand das war. Ich habe es dreimal ausprobiert. Nach dem dritten Mal hatte ich den Auftrag und habe 2000 Parfümerien mit Rosen beliefert. Dann habe ich die schönste Rechnung meines Lebens geschrieben. Ich hätte auch ein schönes Auto dafür kaufen können, aber ich habe mir dann ein Gerät gekauft, das Schokolade auf verschiedenen Temperaturen schmelzen konnte. Das war der Startschuss in die wunderbare Welt der Schokolade. Und ich muss zugeben: Erfolg macht Spaß. Es hat mir bestimmt an vielem gefehlt in diesem Leben, aber nicht an Mut.

Ich hatte immer so unglaublichen Respekt vor den Dingen, die der Ururgroßvater gemacht hat. Er war ein begnadeter Kunstdrechsler, sogar Obermeister der Innung. Er hat so filigran gearbeitet. Als Kind durfte ich die Dinge nie anfassen. In meiner Arbeit habe ich es ebenfalls mit filigranen Dingen zu tun: Ich kandiere essbare Blüten. Da schließen sich die Kreise.

Heutzutage ist es etwas Besonderes, wenn man Dinge bewahren will. Damals war das normal. Möbel waren fürs Leben. Meine Tochter sagte vor einiger Zeit etwas, worüber ich lachen musste: Sie sagte: »Du hast nicht ein Teil von Ikea, oder?« Es stimmt. Ich möchte an die Tradition meines Ururgroßvaters anzuknüpfen. Dieses Haus ist nicht der goldene Käfig. Es ist der Anker. Es ist schön, wenn man durch diese große, schwere Haustür reinkommt ins Haus. Dann schließt sich die Tür und es ist ruhig. Das ist so ein gutes Gefühl von Geborgenheit. Gerade zur Weihnachtszeit, wenn die Menschenmassen hier am Haus vorbeiströmen, tut es gut, wenn ich heimkomme oder z. B. sonntags in den Garten gehen kann, wenn morgens alle Kirchenglocken läuten. Es ist der friedlichste Ort auf der Welt. Ich benutze dieses Haus als Werkzeug, um zu leben für den Augenblick. Ich habe aber auch Respekt vor der Verantwortung und den Aufgaben, die mit so einem alten Haus auf einen zukommen. Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich das schaffen soll. Für eine Person ist es eigentlich viel zu groß. Aber bekanntlich wächst man ja an seinen Aufgaben. Ich habe zwei große Porträts von meinem Urgroßvater und seiner Frau Mariechen. Die hängen in einem der Räume, in denen ich arbeite. Wenn ich Blüten kandiere und in Dosen packe, schaue ich manchmal zum Porträt und denke, ach ja, wenn wir uns hätten kennenlernen können, wir hätten uns gemocht. Wir hätten uns gegenseitig erfreuen können an den Arbeiten des anderen. Ich hätte ihnen ein Stückchen Schokolade gegeben. Ich möchte nach Möglichkeit immer das Beste, davon so viel wie möglich, um es dann mit guten Menschen zu teilen.