62,5 Gramm Butter

Es war zwei Wochen vor Weihnachten 1941, am Palmsonntag, als die Innenstadt Lübecks total vernichtet wurde.

Da sind Türme runtergefallen und verbrannt. Es lag alles in Schutt und Asche. Lübeck war an der Fläche gemessen mal die sechstgrößte Stadt in Deutschland. Die Stadt verdankte ihre Existenz dem Herzog Heinrich des Löwen. Das lebt heute noch in Lübeck. (?) Die Stadt galt als uneinnehmbar mit seinen drei Haupttoren und zwei großen Schutzwällen. Die stehen heute noch, falls sich jemand ein Bild von denen machen möchte. Wir lebten damals außerhalb der Stadt, in Lübeck-Siems. Als der Krieg begann, war ich acht Jahre alt. Wir lebten in einem der Sommerhäuser aus der Jahrhundertwende. Gegenüber von uns hatte die Wehrmacht ein Verpflegungsdepot. Deswegen gab es dort einen Bunker. Wenn es nachts Fliegeralarm gab, sind wir alle da rein, Mutter, meine zwei Geschwister und ich. Mein Vater war an der französischen Westküste stationiert und hat U-Boote gebaut und repariert. Unser Gebiet war die Einflugschneise der alliierten Flieger Richtung Berlin. Man hat versucht, die Flieger mit Granaten vom Himmel zu bekommen, aber die flogen nicht hoch genug und alles was runter kam, war Splitterregen. Warum wir nicht getroffen wurden, kann ich bis heute nicht sagen. Weil Vater nicht da war, war ich der Mann im Haus und musste die Vaterschaft vertreten. Da war nicht viel Freizeit dabei. Durch die nächtlichen Bunkergänge fehlte es an Zeit, an Schlaf sowieso. Ich ging ja noch nur Schule, aber der Schlafmangel machte sich körperlich bemerkbar. Während der Kriegsjahre bin ich kaum gewachsen. Ich bin erst später groß geworden. Dazu kam noch die Arbeit im Deutschen Jungvolk, der Jugendorganisation von der Hitlerjugend. Wir in Lübeck mussten natürlich zur Kriegsmarine. Das war eine harte Zeit für mich. Dienstverweigerung war nicht möglich. Als Mann im Haus musste ich dafür sorgen, dass wir genug zu Essen haben. Das war nicht leicht, weil Lebensmittel begrenzt waren. Jede Familie hatte Lebensmittelkarten, mit denen man einkaufen konnte. Da hieß es dann 62,5 Gramm Butter, 55 Gramm Zucker und zwei Kilo Kartoffeln. Alles wurde rationalisiert. Der Lebensmittelhändler, bei dem ich war, vertraute mir wegen meines Alters sehr und ließ mich jeden Sonntag für zwei Stunden Marken kleben. Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe, weil die Karten dem Amt gegenüber verrechnet wurden.

Nur einmal habe ich eine Buttermarke geklaut, als wir nichts mehr da hatten. Ich habe das nur getan, damit meine Geschwister etwas aufs Brot bekamen. Ich habe es meinen Eltern nie gesagt. Es war meine Zuständigkeit. Ich versteckte die zusätzliche Karte unter den anderen, damit Mutter nichts bemerken würde. Als der Vater nach dem Krieg wiederkam, hat mir das nicht gut getan. Aber das ist eine persönliche Familiengeschichte. Nach dem Krieg kamen die Briten, und wir mussten aus unserem Haus raus. Meine Mutter war hochschwanger mit meiner kleinen Schwester. Wir konnten nicht vieles mitnehmen, aber das, was wir nehmen konnten, packten wir auf einen geliehenen Pritschenwagen, den ich zog. Das war bitter. Nach ein paar Jahren konnten wir wieder zurück in unser Haus in Siems. Nach dem Krieg ist alles freier geworden. Ich blieb noch ein bisschen länger Kind. Mit 14 Jahren bin ich dann in eine Tischlerlehre gegangen. Schon als kleiner Junge wollte ich das und ich tischlere noch heute. Im Frühjahr 1947 treffe ich einen Bekannten, der zu einer Veranstaltung vom Geräteturnen will. Sportvereine durften erst nach britischer Zustimmung wieder zusammenkommen. Geräteturnen hat mich so begeistert. Ich habe zehn Jahre lang geturnt. Ich war nicht gut, aber es hat mir Spaß gemacht. Der Sport war meine Leidenschaft. Unser Nachbar war der Ortsbeauftragte von Siems, der sich regelmäßig mit dem englischen Stadtkommandanten traf, um zu verhandeln, was in der Stadt wieder stattfinden darf. Dem habe ich gesagt, dass er einen Sportverein für Siems beantragen soll. Das hat funktioniert. Ich bin also der Urheber des TSV Siems. Ausgezogen bin ich mit 21 Jahren, was nicht leicht war. Denn Wohnraum war knapp. Es war alles voller Flüchtlinge aus Ostpreußen. Meine spätere Schwiegermutter ist geflohen. Zum Glück ist sie damals nicht mit dem Schiff gekommen. Sie hatte ein ungutes Gefühl und ist wieder runter, um über den Landweg zu kommen. Ebenjenes Schiff ist dann gekentert. Ihre Tochter, meine spätere Ehefrau, habe ich 1957 geheiratet, da war ich 26 Jahre alt. Wir sind in ein Reihenhaus gezogen. Was ich gemacht habe, ist im Keller Betonstützen einzubauen. Wenn mal wieder Bomben fallen, dann würden diese Pfeiler Schutz geben. Zum Glück ist das nie passiert, aber die Nächte im Bunker habe ich nie vergessen. Das ist hängen geblieben. Wenn man heute die Nachrichten liest, merkt man, es kann immer wieder losgehen. Auch heute noch, mit 91 Jahren, fühle ich die Verantwortung meinen Geschwistern, aber auch meinen Kindern gegenüber. Das, was man vererbt, kann man nicht steuern, dem kann man nicht ausweichen. Das ist eine Bestimmung, die aus dem Gehirn, aber auch aus den Genen kommen.

Eine Geschichte über Selbsverwirklichung