Entwicklung einer neuen Datenkultur

Von überfordert zu befähigt - Entwicklung einer neuen Datenkultur

Von überfordert zu befähigt – Entwicklung einer neuen Datenkultur

 

Was ist das Datenlabor?

Das Datenlabor ist ein Projekt, in dem wir partizipative Lern- und Experimentierräume rund um das Thema Daten entwickeln und den gesellschaftlichen Einfluss von Daten thematisieren. Dazu gestalten wir Workshops und Ausstellungen, die Daten und ihre vielfältigen Anwendungskontexte unmittelbar erlebbar machen und ermöglichen Menschen ohne Vorkenntnisse einen niedrigschwelligen Zugang in die spannende Welt der Daten. Indem wir Berührungsängste abbauen und zu einem selbstbewussten Umgang mit Daten einladen, wollen wir die Entwicklung einer gesamtgesellschaftlichen Datenkultur aktiv mitgestalten.

Was verstehst du unter einer Datenkultur?

Eine Datenkultur zeichnet sich für uns im Projekt dadurch aus, dass wir als Gesellschaft nicht den Kopf einziehen oder mit den Schultern zucken, wenn es um das Thema Daten geht, sondern neugierig sind und uns kritisch und konstruktiv auch über die Gestaltungspotentiale austauschen. Unser Grundverständnis ist angelehnt an das Konzept von Datenkultur in der Datenstrategie der Bundesregierung. Dort heißt es: „Unter Datenkultur verstehen wir ein offenes Verständnis von Daten als Ressource für die Wissensgesellschaft und gesamtgesellschaftliche Teilhabe. […] Eine aktiv gelebte Datenkultur ermöglicht es uns, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen und im Lichte europäischer Werte zu spiegeln.“. An diesem Verständnis orientieren wir uns auch in unserem Projekt und etablieren ein Bewusstsein für Daten, dass auch positive Anwendungsszenarien mit in den Blick nimmt und Daten aus der Schmuddel-Ecke rausholt.

Wie ist das Datenlabor entstanden?

Die Idee für das Datenlabor haben wir im Museum für Werte im Rahmen des Ideenwettbewerbs #GesellschaftDerIdeen für soziale Innovationen vom BMBF entwickelt und wurden dafür auch ausgezeichnet. Seit 2021 werden wir zusätzlich vom BMBF gefördert, um unser Konzept mit Zielgruppen aus der Zivilgesellschaft weiterzuentwickeln, zu testen und zu verbessern. Dabei werden wir auch wissenschaftlich begleitet von Prof. Dr. Michael Häfner und seinen wissenschaftlichen Hilfskräften Undine Sawall und Luise Klann. Sie alle kommen aus dem Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin.

Ein weiteres wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang ist demokratische Datenbildung. Was bedeutet das für dich?

Demokratisch verstehen wir im Sinne von Demokratisierung. Das heißt, wir wollen Fähigkeiten, die einen bewussten und reflektierten Umgang mit Daten ermöglichen, möglichst vielen Menschen in unserer Gesellschaft zugänglich machen. Das bedeutet auch, Menschen ohne Vorwissen da abholen, wo sie sind, was sich auch in unseren niedrigschwelligen Ansätzen widerspiegelt.

Was verstehen wir unter niedrigschwellig? Erstens, wir setzen z.B. kein Vorwissen voraus. Zweitens, wir schaffen Räume, in denen Menschen mit- und voneinander lernen. Drittens, wir arbeiten sehr stark mit ästhetischen Mitteln, z.B. bei der Gestaltung unserer Workshop-Materialien, um das Thema wortwörtlich attraktiv zu machen und Neugierde zu wecken. Und viertens, wir verfolgen einen erfahrungsbasierten Ansatz, bei dem Menschen das Thema und seine Facetten wirklich in erster Linie erleben und erst im Nachgang miteinander auf einer theoretischen Ebene verorten und reflektieren.

Am wichtigsten ist aber, dass wir Teilnehmende dazu anregen, das Thema Daten direkt im Kontext ihrer eigenen Lebenswelt zu verorten und zu erkunden. Das beginnt mit einfachen Fragen wie: Was sind Daten für dich? Welche Rolle spielen sie in deinem Alltag? Und geht dann weiter, indem Teilnehmende sich selbst Themen und Fragestellungen aussuchen, denen sie sich im Rahmen ihrer eigenen Datenerhebungen nähern möchten.

Welche Workshop-Formate bietet das Datenlabor an?

Bisher haben wir vor allem Datenspaziergänge gemacht. Das ist ein 4-stündiges Workshop-Format, das Teilnehmende spielerisch durch die Welt der Daten führt. Aufbauend auf Warm-ups und einfachen Reflexionsübungen, wählen sich die Teilnehmenden selbst ein Thema aus, das sie im Rahmen einer Datenerhebung besser verstehen möchten. Das kann z.B. die Qualität von Radwegen sein oder die Anzahl von Baustellen-Absperrungen – also Themen, die unabhängig vom Veranstaltungsort funktionieren. Dann ziehen sie los, um mit Hilfe einer kleinen App selbst Daten zu ihrem Thema zu erheben und werten diese anschließend aus. So erleben die Teilnehmenden unmittelbar, wie unterhaltsam das Sammeln von Daten sein kann, lernen aber gleichzeitig auch konkrete Herausforderungen kennen, die einem beim gezielten Sammeln und Aufbereiten von Daten begegnen. Am Ende des Workshops setzen wir uns auch immer mit der Verantwortung auseinander, die mit der Sammlung und Veröffentlichung von Daten einhergeht.

Wer nimmt an den Workshops teil?  

Das ist unterschiedlich! Die Altersspanne reicht von Menschen von Anfang 20 bis Ende 70, Frauen und Männer sind ungefähr gleich stark vertreten und das Kompetenzniveau reicht von Menschen ganz ohne Vorwissen bis zum Psychologie-Professor mit Statistik-Background. Je gemischter die Teilnehmenden, desto diverser sind auch die Perspektiven und die Anreize dafür, voneinander zu lernen. Im kommenden Jahr möchten wir zwei größere Lern- und Experimentierräume schaffen und mit ausgewählten Partnerinstitutionen und ihren Zielgruppen mehrere verschiedene Workshop-Formate ausprobieren. Wir freuen uns sehr, wenn Menschen sich mit uns zusammen auf dieses Experiment einlassen wollen – meldet euch gerne per Mail bei uns!

Bezogen auf euren Slogan „von überfordert zu befähigt“ – was würde sich verändern, wenn zivilgesellschaftliche Organisationen dazu befähigt wären, bewusst mit ihren Daten umzugehen?

In der Aufbereitung von Daten zu Information zu Wissen sehe ich z.B. eine wichtige Grundlage für die Kommunikation von NGOs. Das heißt, sie können mittels Daten für die Legitimation ihres Handlungsfeldes argumentieren, aktuelle Probleme aufzeigen oder Prognosen entwickeln. Darüber hinaus sind Daten, egal ob qualitativ oder quantitativ, auch essenziell für die Evaluation des eigenen Impacts.

Eine erhöhte Datenkompetenz kann auch dazu führen, dass etablierte Metriken oder Indexe kritisch durchleuchtet werden, um zu analysieren, inwiefern sie auch veraltetes Denken, Vorurteile oder Machtstrukturen repräsentieren. Vor Kurzem bin ich z.B. auf einen Beitrag gestoßen, in dem das Konzept des Bruttoinlandsprodukts dahingehend kritisiert wurde, dass es keine Fürsorgearbeit erfasst. Dadurch wird eine Arbeit – die global vor allem von Frauen geleistet wird – ökonomisch entwertet. Laut einer Datenerhebung von Oxfam leisten Mädchen und Frauen weltweit mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Haus-, Pflege und Fürsorgearbeit pro Tag! Würde man ihnen dafür auch nur den Mindestlohn bezahlen, würde das mehr als 11 Billionen Dollar pro Jahr kosten. Das ist für mich ein spannendes Beispiel dafür, wie dank datenbasierter Argumentation auf das öffentliche Bewusstsein eingewirkt werden kann.

Was würde sich für die Gesamtgesellschaft ändern?

Es gäbe eine Entwicklung hin zur eingangs erwähnten positiven Datenkultur, das heißt ein offeneres Verständnis von Daten als Ressource für unsere Wissensgesellschaft und mehr Teilhabe. Ganz konkret würden Organisationen oder auch Verwaltungen in diesem Szenario mehr Daten zur Verfügung stellen und Open-Data-Prinzipien einhalten. Auch in der Wissenschaft würde man transparenter und offener mit Daten umgehen, ganz im Sinne einer Open Science.

Mithilfe dieser erhöhten Datentransparenz könnten wir die Entstehungs- und Verarbeitungsprozesse von Daten nachvollziehbar machen und besser verstehen, wer welche Daten in welchem Kontext und zu welchem Zweck erhebt. Dadurch würde sichtbar werden, wo Daten z.B. nicht divers genug sind oder – bewusst oder unbewusst – nicht erhoben werden. Das hat eine große Tragweite! Vielleicht nochmal zum Hintergrund: der Begriff Daten stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie gegeben. Aber es gibt auch kritische Gegenpositionen, die sagen, dass Daten nicht einfach gegeben sind, sondern wir sie uns nehmen. Der Prozess des Nehmens, also der Datenrecherche und -erhebung, ist geprägt von beruflichen, persönlichen, sozialen Motiven, Abhängigkeiten und Konventionen, wodurch Verzerrungen entstehen. Daten sind also nicht neutral!

Dazu kommt, dass die Arbeit mit Daten eben kein Selbstzweck ist, sondern immer nur ein Mittel zum Zweck. Und diese Zwecke können ganz unterschiedlicher Natur sein. Das können wissenschaftliche Untersuchungen sein, Datenanfragen im Rahmen journalistischer Recherchen, Leistungs-Tracking im Sport, Umfragen oder eben Wertschöpfung im Rahmen von Geschäftsmodellen. Die reflektierte Auseinandersetzung mit Daten bedeutet also auch, dass ich besser verstehen kann, zu welchem Zweck Daten erhoben werden und ob die Erhebung dem Zweck angemessen ist. So stellen wir uns eine positive Datenkultur vor.

 

Weiter informieren kannst du dich hier:

  • Das Buch Leben in Zahlen von Charly Delwart zeigt sehr schön, wie nah Daten tagtäglich an uns dran sind uns was wir damit im Ernst, aus Spaß oder aus Langeweile abbilden können. Gut geeignet für den Einstieg!
  • Dear Data ist ein Projekt von zwei Gestalter*innen, die über Jahre hinweg jede Woche Daten zu bestimmten Themen gesammelt und auf künstlerische Art auf einer Postkarte visualisiert haben. Daraus ist eine inspirierende Sammlung in Buchform entstanden und auch ein Postkarten-Set zum Ausprobieren ist mittlerweile erhältlich.
  • Das Buch Data Feminism von Catherine D’Ignazio and Lauren F. Klein thematisiert sozialgesellschaftliche Implikationen im Umgang mit Daten: „Data Feminism is about much more than gender. It is about power, about who has it and who doesn’t, and about how those differentials of power can be challenged and changed”. Wenn es ein bisschen theoretischer sein darf!
  • Mehr über das Datenlabor erfährst du auf der Webseite. Über Workshops, geplante Ausstellungen und vieles mehr, bleibst du via Newsletter auf dem Laufenden.
  • Das Datenlabor ist immer auf der Suche nach Kooperationspartner:innen, die gemeinsam Ausstellungen und Workshops zur Datenbildung veranstalten wollen. Wer Interesse hat, schickt bitte eine Mail an das Datenlabor-Team.

Im Interview: Bennet Etsiwah. Er leitet gemeinsam mit Laura Ludwig das Projekt Datenlabor vom Museum für Werte in Berlin. Außerdem promoviert er zum Thema Datenkulturen an der UdK Berlin. Bennet war bei der Werkstatt-Tagung „Digitalität & Zivilgesellschaft – Barrieren und Zugänge“ am 08.12. als Referent dabei.