Hi, ich bin Elio. Ich bereite mich gerade auf den Tag mit Said vor, wenn ich ihn in seinem Büro besuche. Da bin ich schon recht nervös, denn es wird das erste Interview sein, das ich führe. Besonders freue ich mich auch auf unsere Nachmittagsaktivität. Said nimmt mich mit zu 'The Migrant Accelerator', einem Event, wo Start-ups in 60 Sekunden ihre Idee pitchen müssen. Ich war noch nie bei so etwas dabei und bin total gespannt.
Hallo Said, wie geht es dir?
Gut, danke.
Schön, das freut mich. Wir sind gerade in Kreuzberg, in einem Coworking-Space für gemeinnützige Organisationen, wo viele Startups sich befinden. Kannst du uns mehr über dein Unternehmen erzählen?
Ich habe einen Chatbot entwickelt für Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Viele suchen keine Beratung auf, haben Hemmungen oder bekommen keinen Termin. Deshalb habe ich 'Yana' entwickelt, was für 'You are not alone' steht, um diesen Menschen leichter die richtige Unterstützung zu bieten.
Könntest du dich kurz beschreiben?
Optisch würde man mich als einen Mann mit Migrationshintergrund beschreiben, aber ich identifiziere mich lieber als Person of Color. Ich bin 39 Jahre alt und fühle mich gerade in meiner besten Lebensphase.
Ich bin Elio, 26 Jahre alt, weiß und non-binär, mit schwarz-weiß gefärbten kurzen Haaren. Ich habe keinen Migrationshintergrund. Warum machst du bei diesem Projekt mit?
Ich glaube, zwei Gedanken spielen eine Rolle. Zum einen kenne ich das Museum für Werte, das in diesen Räumen, in denen wir gerade sitzen, mit seiner Arbeit begonnen hat. Zum anderen sprechen wir zu selten über Werte und was sie für uns bedeuten. Deswegen sehe ich das als Chance, mich selbst einmal zu hören.
Fällt es dir leicht, Werte zu benennen, die du für dich hast?
Ich denke, es fällt mir nicht leicht, weil das Dinge sind, die wir unterbewusst mit uns tragen, aber nicht wirklich im Alltag ansprechen. Ich werde oft gefragt, wie ich aussehe, wie alt ich bin oder was ich studiert habe. Aber niemand fragt dich bei einer Vorstellung nach deinen Werten. Deshalb bin ich mir meiner Werte im Alltag oft nicht so bewusst.
Hast du einen Wert, der dir besonders nahesteht?
Verletzlichkeit. Als Kinder sind wir verletzlich und nehmen Dinge persönlich. Als Erwachsene bauen wir Mauern auf, die uns schützen sollen. Ich glaube, wir müssen diese Verletzlichkeit zurückerobern, um uns weiterzuentwickeln.
Kannst du uns das Objekt zeigen, das du mitgebracht hast?
Ja, das ist ein knallroter Stressball. Den kann man so in der Hand kneten. Dieser Stressball ist für mich eine Art Erinnerung an diese schwierige Zeit, die mein Bruder und ich gemeinsam durchgemacht haben. Ich habe ihn als Erinnerungsstück aufbewahrt, damit er mich wieder erdet und auf die wesentlichen Dinge im Leben zurückführt.
Wie steht dieser Gegenstand mit Freiheit im Zusammenhang?
Bei all dem Erfolg, den mein Startup genießt, führt mich dieser Stressball immer wieder auf die wesentlichen Dinge zurück. Und mit „wesentlich“ meine ich, warum ich eigentlich ein Startup gegründet habe, warum ich diese Entscheidungen getroffen habe, und viele andere Dinge. Als mein Bruder in Lebensgefahr war, wurde mir bewusst, dass ich vieles für selbstverständlich genommen hatte, was es nicht ist. In dieser Zeit, als ich von Berlin nach Hamburg zog, um meinen Bruder zu unterstützen, stellte das Jobcenter meine Zahlungen ein, weil ich nicht an meinem Arbeitsort war. Ich stand vor der Entscheidung, entweder meine Familie und meinen Bruder zu unterstützen oder mich auf meine Karriere zu konzentrieren. Ich habe mir die Freiheit genommen, mich um meinen Bruder zu kümmern, obwohl ich dadurch in eine finanzielle Notlage geriet. Trotzdem habe ich es geschafft, mein Startup zu gründen, trotz der immensen Herausforderung und ohne Einkommen für dreieinhalb Monate. Es war ein harter Weg, aber ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe.
Und wann fühlst du dich frei?
Ich glaube, Freiheit hat mehrere Komponenten. Die erste Schale der Zwiebel ist finanzielle Unabhängigkeit. Wenn dir dein Grundeinkommen wegfällt, fühlst du dich ziemlich unfrei, gebunden und abhängig. Finanzielle Freiheit ist definitiv eines der wichtigsten Elemente. Wenn man das erreicht hat, kann man sich weiter in die Tiefe dieser Zwiebel begeben. Zwiebeln sind vielleicht nicht das delikateste Gemüse, aber die Metapher passt gut, um in den Kern vorzukommen.
Was bedeutet Freiheit noch für dich?
Die andere Freiheit, die wir uns nehmen sollten, ist die Frage, was wir hinterlassen wollen, wenn wir sterben. Was soll von uns übrig bleiben? Eine weitere Taktik, die mich intensiver zur Freiheit geführt hat, ist die Vorstellung, eine Zeitmaschine zu entwickeln und meinem jüngeren Ich in der Vergangenheit eine Notiz zu hinterlassen. Was würde ich ihm schreiben? Was möchte ich hinterlassen? Ich habe viele Antworten darauf gefunden. Ich begann, auf Instagram Poesie zu teilen, kleine Notizen, die ich an mich selbst geschrieben habe. Diese Notizen, ursprünglich für mich selbst gedacht, habe ich dann auf meinem Kanal veröffentlicht. Es ist etwas Besonderes, diese Gedanken und Gedichte mit anderen zu teilen und gemeinsam zu genießen. Das Versöhnen mit den Dingen, die uns in der Vergangenheit widerfahren sind oder die wir selbst verschuldet haben, gibt einem eine viel intensivere Freiheit als es Geld je könnte.
Das hört sich nach einem sehr heilsamen Prozess an. Ist Heilung und Versöhnung ein Teil von Freiheit für dich?
Ja, ich denke schon. Versöhnung macht uns frei – frei von Schuldgefühlen, die wir oft unbewusst mit uns herumtragen, und auch von Scham. Wenn wir es schaffen, unsere Fehler und Misserfolge nach außen zu tragen und dazu zu stehen, überwinden wir Schuld und Scham. Dadurch haben wir die Chance, wirklich zu wachsen und zu blühen.
Das war sehr schön gesagt. Vielleicht noch eine letzte Frage: Was soll von dir bleiben, wenn du nicht mehr da bist? Ich denke, die Königsdisziplin des menschlichen Seins ist die Frage, warum wir hier sind. Warum sind wir in diese Welt gefallen, warum leben wir in dieser Zeit, und was bedeutet das für uns? In der Geschichte der Menschheit gab es viele Wege, diese Frage zu beantworten. Religion hat in der Vergangenheit einen großen Einfluss darauf gehabt, aber auch griechische Philosophen wie Aristoteles haben ihre Gedanken dazu beigetragen. Jede Zeit hat ihre eigenen Worte und ihren eigenen Kontext, um dieses Thema in den Mittelpunkt zu rücken. Ich habe das Gefühl, dass wir in einer völlig neuen Zeit leben – einer Zeit der künstlichen Intelligenz, der Diversität und des technologischen Fortschritts.
Diese neue Ära erfordert meiner Meinung nach eine Rekalibrierung, warum wir eigentlich hier sind. Diese zentrale Frage hilft uns, die großen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, sei es die Klimakrise oder die Themen Diversität und Gerechtigkeit. Wenn wir unser Leben nur als etwas Individuelles betrachten, werden diese Themen keinen großen Stellenwert haben. Aber wenn wir unser Leben als etwas Kostbares und Kollektives sehen, gewinnen diese Fragen eine ganz neue Dimension. Ich glaube, wir brauchen eine stärkere Fokussierung auf die zentralen Fragen des Lebens, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.
Ja, vielen Dank. Das war eine sehr zukunftsgerichtete Antwort – das perfekte Schlusswort, würde ich sagen. Vielen Dank für das Interview.
Reflexion
Der Tag mit Said ging schnell vorbei. Nach dem Interview sind wir Kaffee trinken gegangen und haben uns über verschiedene Themen unterhalten. Das Pitching-Event am Nachmittag war eine neue Erfahrung für mich. Besonders interessant war es, Said in dieser Umgebung zu sehen und über Start-ups und Sozialunternehmertum zu diskutieren. Wir sprachen auch über die Rolle des 'Migrant Accelerator' und seine Bedeutung für die Gesellschaft und Freiheit. Es war ein aufschlussreicher Tag, und ich bin froh, dass wir ihn zusammen verbringen konnten.